Der Schulalltag ist durchgetaktet, anspruchsvoll und häufig von hohen Erwartungen geprägt. Diese Erwartungen haben ihren Ursprung bei Eltern, Kindern, der Schulleitung und nicht zuletzt bei den Lehrkräften selbst – die Erwartung, die sie an sich selbst haben.
In diesem Spannungsfeld entsteht leicht der Eindruck, Professionalität bedeutet vor allem eines: funktionieren.
Doch wer dauerhaft nur funktioniert, verliert den Zugang zu einem entscheidendne Teil von sich selbst – den eigenen Gefühlen. Und somit einen wichtigen Teil seiner pädagogischen Wirksamkeit.
Dieser Beitrag ist eine Einladung, Emotionen nicht als Störfaktor zu sehen, sondern sie als Ressource zu begreifen.
1. Gefühle sind kein Gegensatz zur Professionalität
Viele Lehrkräfte haben gelernt, Emotionen im Berufsalltag möglichst auszublenden. Ärger über respektloses Verhalten, Frustration über strukturelle Bedingungen, Unsicherheit in schwierigen Elterngesprächen oder auch Freude und Stolz über Lernfortschritte – all das wird häufig „herunterreguliert“, um souverän zu wirken.
Doch professionell sein bedeutet nicht Emotionslosigkeit – es bedeutet vielmehr:
- Gefühle wahrzunehmen,
- sie einzuordnen,
- ihnen Raum zu geben und
- angemessen mit ihnen umzugehen.
Wer die eigenen Emotionen verdrängt, läuft Gefahr, dass sie sich auf andere Weise ausdrücken -etwa durch Gereiztheit, Zynismus, innere Distanz oder auch durch Krankheit.
2. Emotionale Selbstwahrnehmung stärkt die pädagogische Kompetenz
Unterricht ist Beziehungsarbeit, und Beziehungen sind emotional.
Nimmt eine Lehrkraft ihre eigenen Gefühle wahr kann sie:
- bewusst reagieren statt impulsiv zu handel,
- Konflikte klarer analysieren,
- zwischen „persönlich getroffen sein“ und „pädagogisch handeln“ unterscheiden und
- authentisch auftreten.
Hier ein Beispiel aus dem Schulalltag:
Ein Schüler provoziert wiederholt. Hinter dem spontanen Ärger kann sich vielleicht ein Gefühl von Ohnmacht oder Kontrollverlust verbergen. Wer das erkennt, kann gezielter reagieren – nicht aus Kränkung, sondern aus pädagogischer Klarheit. Denn, auch hiner einer Provokation verbergen sich Gefühle, die es zu verstehen gilt und sich lohnt.
Emotionale Selbstreflexion schafft Handlungsklarheit
3. Gefühle zulassen schützt vor Burnout
Dauerhafte emotionale Unterdrückung kostet enorm viel Energie. Studien zur Lehrer*innengesundheit zeigen, dass emotionale Dissonanz – also das Auseinanderklaffen von empfundenen und gezeigten Gefühlen – ein erheblicher Risikofaktor für Erschöpfung ist.
Typische Gedanken sind:
- „Ich darf mir das nicht anmerken lassen“,
- „Ich muss das aushalten“,
- „Andere kommen doch auch klar“ und
- „Ich reiße mich zusammen“
Doch nicht zugelassene Gefühle verschwinden nicht – sie sammeln sich an.
Wer lernt, Emotionen bewusst wahzunehmen und zu regulieren, statt sie zu unterdrücken, stärkt die eigene Resilienz.
Das kann bedeuten:
- Sich nach einem schwierigen Tag Zeit für Reflexion zu nehmen,
- Kollegialen Austausch zu suchen,
- Supervision oder Coaching in Anspruch zu nehmen und
- sich selbst Mitgefühl zu erlauben.
Selbstfürsorge ist kein Luxus, sondern Voraussetzung für langfristige Berufszufriedenheit
4. Vorbildfunktion: Emotionale Kompetenz ist lernbar
Lehrkräfte sind nicht nur Wissensvermittler*innen, sondern auch emotionale Vorbilder.
Schüler*innen lernen durch Beobachtung:
- Wie gehe ich mit Frustration um?
- Darf ich Unsicherheit zeigen?
- Ist es in Ordnung, traurig oder wütend zu sein?
- Wie kann ich Gefühlen Raum geben, ohne andere damit zu verletzen?
- Gefühle zeigen sich in Handlungen.
Wenn eine Lehrkraft authentisch und reflektiert mit eigenen Gefühlen umgeht – etwa indem sie sagt:“Ich merke gerade, dass mich das ärgert, ich brauche einen Moment“-
vermittelt sie emotionale Kompetenz in Echtzeit.
Das schafft ein Klassenklima, in dem Gefühle nicht tabuisiert, sondern konstruktiv verarbeitet werden. Eine Kompetenz, die in der heutigen Zeit existentiell ist.
5. Gefühle als Informationsquelle nutzen
Emotionen sind Hinweise. Sie zeigen uns:
- Wo Grenzen überschritten werden,
- Wo Werte verletzt sind,
- Wo Bedürfnisse unerfüllt bleiben,
- Wo etwas besonders bedeutsam ist und
- Wie es dem Gegenüber gerade geht.
Freude kann ein Indikator für gelungene Lernprozesse sein. Unruhe kann auf eine strukturelle Überforderung hinweisen. Wut kann ein Signal für fehlende Klarheit oder Respekt sein.
Wer Gefühle als Informationsquelle versteht, gewinnt wertvolle Daten über Unterricht, Beziehungsgestaltung und eigene Belastungsgrenzen.
6. Praktische Impulse für den Schulalltag
Gefühle zulassen bedeutet nicht, sie ungefiltert auszuleben – es geht um bewusste Integration.
Kleine Schritte können sein:
- Täglicher Check-in:
„Wie fühle ich mich gerade – körperlich und emotional?“ - Gefühle benennen statt sie zu bewerten:
Nicht: „Ich sollte mich nicht so fühlen“
sondern: „Ich bin gerade frustriert“ - Trigger erkennen:
Welche Situationen lösen wiederkehrende starke Reaktionen aus? - Rituale zur Entlastung etablieren:
Spaziergänge, Schreiben, kollegialer Austausch, Atemübungen - Sich selbst erlauben, nicht perfekt zu sein.
Fazit: Menschlichkeit als Stärke
Lehrkräfte stehen täglich vor komplexen Herausforderungen. Gerade deshalb ist es wichtig, sich nicht von den eigenen Gefühlen zu entfremden. Emotionen sind keine Schwäche – sie sind Ausdruck von Engagement, Beziehung und Verantwortung.
Wer Gefühle zuläßt gewinnt:
- Klarheit
- Authentizität
- Reslienz
- und letztendlich mehr pädagogische Wirksamkeit.
Vielleicht beginnt emotionale Professionalität nicht damit, alles im Griff zu haben – sondern damit, sich selbst ehrlich zu begegnen.
Denn, gute Schule braucht nicht nur Fachkompetenz – sie braucht Menschen, die fühlen dürfen

